Äpfel und Birnen und anderes Gemüse

Die Obstbilder von Korbinian Aigner im Dialog mit der Sammlung Würth

18. Juni 2018 bis 6. Januar 2019, verlängert bis 13. Januar 2019

Knackig, frisch und appetitlich erscheinen die Apfel- und Birnenaquarelle von Korbinian Aigner (1885–1966) vor den Augen der Betrachter. Über Jahrzehnte hinweg malte der Pfarrer und Obstkundler mit naturkundlicher Neugier und künstlerischer Begabung Hunderte von Sorten auf Karten von handlicher Postkartengröße. Säuberlich nummeriert und benannt, dienten sie der Dokumentation einer schon zu Lebzeiten Aigners schwindenden Sortenvielfalt, zeugen aber auch von dessen Liebe zur Natur. Die Aquarelle sollten ursprünglich als Lehrmaterial dienen und erreichten ihren heutigen Bekanntheitsgrad erst nach dem Tod Aigners. In der Kunstwelt erregten sie 2012 auf der dOCUMENTA (13) in Kassel international Aufmerksamkeit. Die im TUM.Archiv der TU München verwahrten 602 Apfel- und 275 Birnenbilder werden nun im Museum Würth in Kooperation mit der TU München in großer Zahl präsentiert. Aigners wissenschaftlicher Ansatz zeigt sich in der Detailgenauigkeit der Illustrationen, die darüber hinaus durch ihre lebendige Präsenz faszinieren.

In der Ausstellung wird aber auch an die Person Korbinian Aigner erinnert, der sich als engagierter Theologe nicht nur für seine Gemeinde und den Obstbau einsetzte, sondern wegen seiner Kritik am Nationalsozialismus viele Jahre in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Dachau als Häftling verbrachte. Im KZ Dachau gelang es dem leidenschaftlichen Pomologen entgegen allen Umständen, vier Apfelsorten zu züchten, die er mit KZ-1 bis KZ-4 bezeichnete, und Sämlinge aus dem Lager herauszubringen. Die heute als »Korbiniansapfel« bekannte Sorte KZ-3 gilt unter Kennern als Geheimtipp.

Im Dialog mit Arbeiten der Sammlung Würth vertiefen sich Aspekte, die sich in Assoziation mit Korbinian Aigners Aquarellen ergeben. So findet eine Reihe von Obst- und Gemüsestillleben aus verschiedenen Epochen Eingang in die Ausstellung. Von Karl Hofer (1878–1955) über Georges Braque (1882–1963) und Max Beckmann (1884–1950), die als Vertreter der Klassischen Moderne bekannt sind, führt die Reise zu hyperrealistischen Arbeiten von Gerd Dengler (geb. 1939), Anne Hausner (geb. 1943) oder Jan Peter Tripp (geb. 1945) und zu weiteren zeitgenössischen Positionen von Alberto Corazón (geb. 1942) und Nadin Maria Rüfenacht (geb. 1980). Der Gang durch Stile und Epochen zeigt, dass eine so traditionsbehaftete Gattung wie das Stillleben nicht ohne eine Auseinandersetzung mit sich selbst auskommt, und bringt Leben in ein gar nicht so stilles Metier.

Von historischem und symbolischem Reichtum ist auch der Apfel als Motiv selbst. Als »verbotene Frucht« taucht er in Variationen des Motivs »Adam und Eva« bei Alfred Hrdlicka (1928– 2009), Karl Hurm (geb. 1930) und Fernando Botero (geb. 1932) auf. Doch auch die von den Hesperiden bewachten goldenen Äpfel, die den Göttern der griechischen Mythologie ewiges Leben versprechen, oder der Zankapfel der Göttin Eris, den Paris an die Schönste vergeben sollte, finden sich in Werken von Künstlern wie Petra Lemmerz (geb. 1957) oder Heinrich Brummack (1936–2018) wieder.

Zurück auf den Boden der Tatsachen bringen die Betrachtenden hingegen Arbeiten, die sich im Grenzbereich von Kunst und Wissenschaft bewegen und der Beobachtung und Erforschung von Natur verpflichtet bleiben. Im »naturwissenschaftlichen Kabinett« geben meisterlich gearbeitete Aquarelle von Pilzen aus unbekannter Autorschaft, täuschend echt aussehende Wachs- und Alabasterfrüchte und – aus der Anfangszeit des Mediums Fotografie – Obst- und Pflanzenfotografien von August Kotzsch (1836–1910) und Karl Blossfeldt (1865–1932) in Reproduktionen auf beeindruckende Weise Einblicke in die Naturkunde um die Wende zum 20. Jahrhundert. Daran anknüpfend sind in der Ausstellung einige Werkreihen versammelt, die auf je eigene Weise einem forschenden Ansatz verschrieben sind. So wird die Natur bei Salomé (geb. 1954) und herman de vries (geb. 1931) zum Untersuchungsgegenstand, während Raffael Rheinsberg (1943–2016) oder Adolfo Riestra (1944–1989) sich mit Alltäglichem wie Werkzeug oder Vasen beschäftigen.

Mit dieser Ausstellung und einem vielseitigen Begleitprogramm feiert das Museum Würth mehrere Monate Apfel und Birne von der Blüte bis zur Gärung. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Swiridoff Verlag, Künzelsau.

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Begleitprogramm zum Download

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