Aktuelle Ausstellung

SOREAL
Bernhard Betz – Andreas Ilg
4. November 2021 bis 19. Juni 2022

Werke des Stuttgarter Künstlers Andreas Ilg und des Münchner Bildhauers Bernhard Betz treffen in der Künzelsauer Hirschwirtscheuer aufeinander.
Die in enger Zusammenarbeit mit den beiden Künstlern entstandene Werkschau zeigt auf drei Etagen rund 60 Arbeiten, die sich auf unterschiedliche Weise mit der Neubestimmung des Materials auseinandersetzen. Plastik trifft auf Holz, Gebrauchsgegenstände und alltägliche Konsumgüter erfahren eine neue Wertschätzung. Scheinbar nutzlos gewordene Produkte werden verwandelt, indem sie aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgelöst und einem anderen zugeführt werden. Beide Künstler bedienen sich dabei Objekten trivialer Herkunft, die somit auch die Themen Massenkonsum und Nachhaltigkeit reflektieren.

Bernhard Betz, geboren 1955 in Herrsching am Ammersee, arbeitet mit dem Werkstoff Holz, den er in alten Möbeln, Musikinstrumenten oder Gehstöcken findet. Diesen offenbar nun bedeutungslosen Gegenständen haucht er neues Leben ein, indem er sie zu skulpturalen Objekten gestaltet. Dabei lässt er sich von der vorgefundenen Form inspirieren, greift sie auf, nimmt sie auseinander und fügt sie auf andere Art zusammen.

Als Betrachterinnen und Betrachter erahnen wir noch die Ursprungsform, sehen die Gebrauchsspuren und spüren etwas von ihrer Vergangenheit. Wir werden hineingezogen in eine Geschichte, die Bernhard Betz erfindet und deren Titel das literarische, erzählerische Moment der Skulpturen unterstreicht. Wie bei Familienbande: Ehemalige Schulstühle sind so miteinander verbunden, dass sie eine Einheit bilden. Oder Sputnik, ein ursprünglich bodenständiges Sitzmöbel, das nun elegante Kreise an der Decke zieht und auf die Metamorphosen der Gehstöcke (Hacklstecka) schaut, die in alle Richtungen verdreht eine poetische Leichtigkeit entwickeln.

Dagegen beschäftigt sich der 1966 in Waiblingen geborene Andreas Ilg seit einigen Jahren mit dem Thema Spielzeug, das er bitter-ironisch transformiert. So baut er aus knallbunten Plastikfiguren Kriegsgerät und treibt damit jenen Zynismus auf die Spitze, den die Waffenindustrie selbst an den Tag legt, indem sie etwa Revolver als »Peacemaker« und Bomben als »Little Boy« bezeichnet.

»Mir geht es um den maximalen Kontrast: auf der einen Seite Kinderspielzeug, harmlos und klein, auf der anderen das Bedrohliche, Todbringende«, so der Künstler selbst. Diese Liaison des Trivialen mit dem Brutalen irritiert und fasziniert zugleich und lässt nicht zuletzt das Verhältnis unserer zivilen Gesellschaft zu Waffen überdenken. Aber auch unser Umgang mit kurzlebigen Plastikartikeln findet Widerhall, beides gekonnt vereint in der Skulptur Wohnzimmerflak, die gleich einem Wimmelbild verstörend den Raum beherrscht. In den Kleinplastiken schließlich treffen Spaßkultur und Absurdität in bitterbösen Kombinationen aufeinander und kommentieren die Abgründe des menschlichen Seins.

Mit viel Humor, Ironie und Anarchie entsteht so bei beiden Künstlern Unvorhergesehenes, das beim Betrachten Spaß machen kann, aber auch zum Nachdenken anregt. Die Ausstellung wird durch zwei Publikationen ergänzt, die im Swiridoff Verlag, Künzelsau erscheinen.

1

Bernhard Betz: Blind Date
2019, Holz, Lack, Linoleum, 80 x 50 x 50 cm, © beim Künstler, Foto: Anna Peisl

2

Andreas Ilg: SM & WW
2021, 16 x 5 x 15 cm, Fundstücke, Farbe, © VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Foto: Andreas Ilg

3

Bernhard Betz: Hacklstecka
2008-2020, Holz, teilweise Lack, Farbe, Gummi, Metall, ca. 30 x 30 x 30 cm, © beim Künstler, Foto: Anna Peisl

4

Bernhard Betz: Familienbande
2016, Holz, Lack, 180 x 120 x 100 cm, © beim Künstler, Foto: Anna Peisl

5

Bernhard Betz: Sputnik
2018, Holz, Kunstleder, Schaumstoff, 150 x 100 x 70 cm, © beim Künstler, Foto: Anna Peisl

6

Andreas Ilg: Wohnzimmerflak
2013 – 2016, Kleinplastikteile, Kunststoff, Klebstoff, 280 x 210 x 250 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Foto: Andreas Ilg