Farbpoesie zwischen Fantasie und Wirklichkeit
Cantastorie der Puppenspielerfamilien Maldera und Parisi in der Sammlung Würth

24.Oktober 2016 bis 21. Mai 2017

Palmerino, Tafel 32 Leimfarbe auf Papier 149 x 198 cm Sammlung Würth, Inv. 16298

Mit Cantastorie taucht das Museum Würth in die Welt der bereits zur historischen Erscheinung gewordenen Tradition der Cantastorie ein. Cantastorie, das waren die italienischen Puppenspieler und fahrenden Sänger, die die alten Geschichten von Odysseus, Karl dem Großen und den Sarazenen, dem verliebten und dem rasenden Roland oder berühmten Banditen in endlosen Episoden wieder und wieder erzählten und sie dabei in immer neue Episoden kleideten.

Cantastorie, das war auch eine Art Gegenentwurf zu den großen Theaterhäusern und Opernbühnen, ein Gegenentwurf aus Sperrholz und Pappmaché, bei dem vor hinreißend bemalten Kulissen Theater fürs »Volk« stattfand. Der umherziehende Cantastorie, der seine Wurzeln möglicherweise im ambulanten Schaustellergewerbe der Jahrmärkte hat, brauchte nur einen (Deute-)Stock, um mit routiniertem Pathos seine Sätze über Machtmissbrauch, Hass, Liebe, Eifersucht und Schuld zu skandieren. Im Handumdrehen konnte daraus aber auch das Schwert eines Helden werden. So wurden die Geschichten anschaulich und begreifbar. Der Puppenspieler übernahm mit wechselnden Tonlagen, mal singend, mal deklamierend, alle Rollen seiner Aufführung. Aus dem Stegreif konnten so in einem Moment aus Eroberern Eroberte und aus Feinden Liebende werden.

Storie di Napoli Leimfarbe auf Papier 149 x 180 cm Sammlung Würth, Inv. 16301

Vor Kurzem konnte die Sammlung Würth ein kostbares Konvolut von rund 250 großformatigen, in Leimfarbentechnik bemalten Cantastorie-Plakaten voller christlicher und heidnischer Könige und Ritter, schöner und teilweise auch kämpfender Damen, Zauberer, Zauberinnen und Fabeltiere der Puppenspielerfamilien Parisi und Maldera erwerben. Die beiden Familien traten zunächst in Neapel, später rund um das apulische Foggia auf. Obwohl uns die Themen der farbigen Szenen zu Gerusalemme liberata, Orlando, Erminia della Stella u.a. aus der klassischen italienischen Literatur und Kunst überliefert sind, sind die Inhalte der fantasiereichen historischen Stoffe einem breiten Publikum längst nicht mehr geläufig. Anhand der Plakate können sie auf höchst unterhaltsame Weise aufgefrischt werden, denn sie zeugen weniger von stilisierter Hochkultur als vielmehr von urwüchsiger, vitaler und farbenfroher Volkstümlichkeit und einer paraphrasierenden Vereinnahmung der überlieferten Historie und der historischen Stoffe.

Die zwischen 1900 und 1948 entstandenen Plakate tragen den unverwechselbaren Duktus der Familien Parisi und Maldera. Mit ihren Bildern und Texten vermochten sie ihrem Publikum die großen Themen der Kultur zunächst umherziehend, später im eigenen Theater in Foggia nahezubringen. Während die Plakate immer wieder durch neue ergänzt wurden und sich der Bildfundus so beständig erweiterte, galten die Textbücher als der wahre Familienschatz, der weder aus der Hand gegeben noch vervielfältigt werden durfte. Vielmehr wurden die Bücher immer wieder abgeschrieben, wenn sie zerlesen waren. Jüngst wiederentdeckt, können sie nun zusammen mit den Illustrationen ausgestellt werden und die Szenen mit ihren vielen Kommentaren erhellen.

Eine Ausstellung in Kooperation mit dem Kunsthaus Zürich