Der Pfullendorfer Altar

Pfullendorfer Altar

Ein Meisterwerk des 16. Jahrhunderts
21.11 2017 - 08.04.2018

Nichts ist zufällig, nichts ist unbedacht. Jeder Pinselstrich, jeder Faltenwurf und jede Farbgebung ist mit Akribie geplant. Die erhaltenen Tafeln des Pfullendorfer Altars, die für die Sonderausstellung in der Johanniterkirche als Leihgaben aus dem Städel Museum in Frankfurt am Main und aus der Staatsgalerie Stuttgart zusammengebracht werden, zeichnen sich durch die hohe Malkultur ihres Schöpfers aus. Scheinbar mühelos gelingt es ihm, die noch gültigen gotischen Formideale in überzeugend gegenwärtige und dem 16. Jahrhundert bereits deutlich zugewandte Bilder von großer erzählerischer Kraft zu übersetzen.

Bis auf Weiteres ist der anonyme Meister der Tafeln, die in der Ausstellung zu sehen sind, behelfsweise nach dem vermutlich aus der Pfarrkirche Sankt Jakob in Pfullendorf stammenden Altar benannt. Vermutete man in ihm bislang immer wieder einen Schüler oder Mitarbeiter des 1482 bis 1520 in Ulm wirkenden Bartholomäus Zeitblom, so wird der Meister in jüngster Zeit wieder verstärkt als mit Zeitblom identisch diskutiert. Ein Grund dafür liegt in den Zuschreibungsdiskussionen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die auf anderen Annahmen fußten als die durch aktuelle Materialforschung und Tiefenaufnahmen gestützten Erörterungen unserer Tage. Wurde zuvor mit Begrifflichkeiten wie »Meister und Nachahmer« oder »Inspiration und Genialität« argumentiert, rücken nun Erkenntnisse zu arbeitsteiliger Produktion und dem damit verbundenen Werkprozess ins Blickfeld. Ergänzend zur klassischen Stilkritik des vergleichenden Sehens vermag die »Werkstattforschung« zunehmend Licht auf Fragen der Komposition oder auch nach Eigenhändigkeit und delegierten Partien zu werfen.

Von den ursprünglich zwölf Andachtsbildern des Altars sind acht erhalten geblieben, die heute im Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt am Main und in der Staatsgalerie Stuttgart aufbewahrt werden. Sie thematisieren die bedeutenden Episoden aus dem Leben der Gottesmutter Maria und sind Ausdruck der auch um 1500 noch immensen Marienverehrung. Ehemals in zwei Reihen angeordnet, zeigen sie in bewegten Szenen und in lichter Farbigkeit die Begegnung der Eltern der Gottesmutter, Joachim und Anna, an der Goldenen Pforte, die Geburt Mariens, den Tempelgang Mariens, ihre Verlobung, die Verkündigung an Maria, ihre Heimsuchung, Christi Geburt und schließlich ihren Tod. Da die Evangelien das Leben der Muttergottes kaum beleuchteten, stützten sich Autoren und Künstler des ausgehenden Mittelalters gerne auf apokryphe, nicht in den Bibelkanon eingegangene Quellen. Deren Wahrhaftigkeit untermauerten im Pfullendorfer Altar acht Prophetendarstellungen, die heute ebenfalls in der Staatsgalerie Stuttgart beheimatet sind. Sie halten Schriftrollen in ihren Händen und begleiteten als jeweils linke beziehungsweise rechte Tafelteile der Flügel die Marienszenen.

Zwei weitere, aus anderen Altären stammende und heute im Besitz der Sammlung Würth befindliche Tafeln mit Darstellungen der Heiligen Maria Magdalena und Ursula einerseits sowie der Heimsuchung Mariens bei Elisabeth andererseits ergänzen die Präsentation. Sie stammen gesichert aus der Frühzeit des Bartholomäus Zeitblom und bieten den Ausstellungsbesuchern Gelegenheit, sich im stilkritischen Vergleich zu üben und sich darüber hinaus ein eigenes Urteil in der spannenden Zuschreibungsfrage zu bilden.

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